Was ist der Geist der Weissagung ?
Der Ausdruck „Geist der Weissagung“ stammt unmittelbar aus Offenbarung 19,10. Dort sagt der Engel zu Johannes sinngemäß:
„Das Zeugnis Jesu ist der Geist der Weissagung.“
Im griechischen Text steht to pneuma tēs prophēteias, wörtlich „der Geist der Prophetie/Weissagung“. Der Ausdruck kommt in dieser Form nur an dieser einen Stelle des Neuen Testaments vor. Im biblischen Zusammenhang bezeichnet er nicht einfach menschliche Zukunftsdeutung, sondern das Wirken des Heiligen Geistes, durch das Gott prophetische Offenbarung und Zeugnis vermittelt (Gabe der Prophetie). Besonders deutlich wird dies durch den Vergleich von Offenbarung 19,10 mit Offenbarung 22,8–9: Während in Offenbarung 19 von den Gläubigen gesprochen wird, die das „Zeugnis Jesu“ besitzen, werden dieselben in Offenbarung 22 als „Propheten“ bezeichnet. Daher versteht die adventistische Auslegung den „Geist der Weissagung“ grundsätzlich als die prophetische Gabe, die der Heilige Geist Menschen verleiht.
Für das adventistische Verständnis ist außerdem Offenbarung 12,17 von besonderer Bedeutung. Dort wird die endzeitliche Gemeinde Gottes dadurch charakterisiert, dass sie „die Gebote Gottes hält“ und „das Zeugnis Jesu“ besitzt. Weil Offenbarung 19,10 dieses „Zeugnis Jesu“ mit dem „Geist der Weissagung“ verbindet, sehen Siebenten-Tags-Adventisten darin einen Hinweis darauf, dass die prophetische Gabe auch in der Endzeit nicht erloschen ist. Damit steht diese Auffassung zugleich in Verbindung mit neutestamentlichen Aussagen über die Geistesgaben, insbesondere 1. Korinther 12 und Epheser 4, wo Prophetie ausdrücklich als eine Gabe des Heiligen Geistes innerhalb der Gemeinde genannt wird.
In der Geschichte der Siebenten-Tags-Adventisten wird diese prophetische Gabe insbesondere mit dem Dienst von Ellen G. White verbunden. Die offizielle adventistische Glaubensaussage Nr. 18 erklärt, dass die Gabe der Prophetie sich in ihrem Dienst gezeigt habe und dass ihre Schriften der Gemeinde Trost, Führung, Unterweisung und Korrektur vermitteln. Gleichzeitig wird ausdrücklich festgehalten, dass die Bibel der Maßstab bleibt, an dem jede Lehre und jede religiöse Erfahrung geprüft werden muss. Ellen Whites Schriften werden daher im offiziellen adventistischen Verständnis nicht als zweiter biblischer Kanon und nicht als Ersatz für die Heilige Schrift verstanden.
Dabei ist eine wichtige begriffliche Unterscheidung nötig: Im streng biblischen Sinn bedeutet „Geist der Weissagung“ nicht einfach „die Schriften Ellen Whites“. Der Ausdruck bezeichnet zunächst allgemein das prophetische Wirken des Geistes Gottes und die daraus hervorgehende prophetische Gabe. Innerhalb der adventistischen Sprachgeschichte wurde „Spirit of Prophecy“ jedoch häufig auch als Kurzbezeichnung für Ellen Whites prophetischen Dienst und schließlich für ihre Schriften verwendet. Selbst adventistische Quellen weisen darauf hin, dass dies eine kirchliche Verwendung des Begriffes ist, während der biblische Ausdruck grundsätzlich weiter gefasst ist und den Dienst der von Gott berufenen Propheten insgesamt bezeichnet.
Zusammengefasst meint „Geist der Weissagung“ nach biblisch-adventistischem Verständnis also die durch den Heiligen Geist vermittelte prophetische Gabe, durch die Jesus Christus seiner Gemeinde Zeugnis, Orientierung, Ermahnung und Ermutigung gibt. Ellen G. White wird innerhalb des Adventismus als eine konkrete Ausprägung dieser Gabe in der neueren Kirchengeschichte verstanden – der „Geist der Weissagung“ selbst ist jedoch nicht mit ihrer Person oder ihren Büchern identisch, sondern bezeichnet die göttliche Quelle und Funktion prophetischen Wirkens. Entscheidend bleibt dabei das adventistische Prinzip, dass jede prophetische Aussage an der Bibel geprüft werden muss und auf Christus hinweisen soll.
Zum biblischen Propheten-Test geht´s hier:
Häufig gestellte Fragen zu Ellen White
War Ellen White eine Prophetin?
Adventisten führen im Wesentlichen einen kumulativen Fall an: Ellen G. White soll nicht aufgrund eines einzelnen Wunders oder einer einzelnen Vorhersage als Prophetin anerkannt werden, sondern weil ihr Dienst nach ihrer Auffassung mehrere biblische Prüfsteine gleichzeitig erfüllt.
1. Die Bibel erwartet die Gabe der Prophetie auch in der Endzeit
Das erste Argument lautet: Es gibt keinen biblischen Grund anzunehmen, dass die prophetische Gabe mit den Aposteln aufgehört habe.
Adventisten verweisen besonders auf:
- Joel 3,1–2 / Joel 2,28–29 – Söhne und Töchter werden weissagen.
- Apostelgeschichte 2,17–18 – Petrus wendet diese Verheißung auf die Zeit des Heiligen Geistes an.
- 1. Korinther 12,10.28 – Prophetie gehört zu den Gaben des Geistes.
- Epheser 4,11–13 – Propheten gehören zu den Gaben an die Gemeinde.
- Offenbarung 12,17 – die endzeitlichen Übrigen besitzen das „Zeugnis Jesu“.
- Offenbarung 19,10 – „Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der Weissagung.“
Die klassische adventistische Schlussfolgerung lautet deshalb:
Endzeitliche Übrige → Zeugnis Jesu → Geist der Weissagung → prophetische Gabe.
Das Biblical Research Institute vertritt genau diese Verbindung und versteht Offb 19,10 im Zusammenhang mit Offb 22,9 als Hinweis auf prophetische Inspiration.
Damit entsteht zunächst nur die Erwartung:
In Gottes Endzeitgemeinde müsste die prophetische Gabe wieder sichtbar sein.
Damit ist Ellen White allerdings noch nicht als Prophetin identifiziert.
2. Deshalb muss Ellen White an biblischen Tests geprüft werden
Die Adventgemeinde nennt insbesondere fünf Prüfsteine.
Biblischer Prüfstein: Übereinstimmung mit der Schrift
Bibelstelle: Jes.8,20
Anwendung auf Ellen White: Ihre Botschaft darf der Bibel nicht widersprechen
Bibl.Prüfstein: Christus im Mittelpunkt
Bibelstelle: 1.Joh.4,1–3
Anwendung auf EGW: Jesus muss als menschgewordener Sohn Gottes und Erlöser bekannt werden
Bibl.Prüfstein: Früchte des Lebens und Dienstes
Bibelstelle: Mt.7,15–20
Anwendung auf EGW: Langfristige Wirkung ihres Dienstes muss beurteilt werden
Bibl.Prüfstein: Erfüllung prophetischer Aussagen
Bibelstelle: Jer.28,9; vgl. 5.Mose 18
Anwendung auf EGW: Tatsächliche Vorhersagen dürfen sich nicht als falsche Gottesbotschaften erweisen
Bibl.Prüfstein: Prophetische Offenbarungen
Bibelstelle: 4.Mose 12,6
Anwendung auf EGW: Träume und Visionen gehören zum biblischen Phänomen der Prophetie
Die offizielle Kirche erklärt ausdrücklich, Ellen White erfülle diese Kriterien.
3. Übereinstimmung mit der Bibel
Das dürfte das wichtigste adventistische Argument sein.
Jesaja 8,20 stellt einen Maßstab auf:
„Hin zur Weisung und hin zur Offenbarung!“
Ein angeblicher Prophet kann nach adventistischem Verständnis keine neue Wahrheit bringen, die der bereits gegebenen Offenbarung Gottes widerspricht. Deshalb behauptet die Kirche nicht: Ellen White → bestimmt, was die Bibel bedeutet
sondern prinzipiell: Bibel → prüft Ellen White.
Der offizielle Glaubenspunkt 18 sagt ausdrücklich, dass die Bibel der Maßstab ist, an dem jede Lehre und jede Erfahrung geprüft werden muss.
Ellen White selbst bezeichnete ihre Schriften sinngemäß als ein „kleineres Licht“, das Menschen zum „größeren Licht“, der Bibel, führen sollte. Das White Estate dokumentiert diese Aussage und den entsprechenden adventistischen Umgang damit. Das ist deshalb für die adventistische Argumentation bedeutend, weil sie sich nicht als Gründerin einer neuen Offenbarungsreligion verstand.
4. Sie soll Menschen zu Christus und nicht zu sich selbst geführt haben
Hier wird insbesondere 1. Johannes 4,1–3 angewendet. Ein wahrer prophetischer Dienst muss Christus bekennen und erhöhen.
Adventisten führen dafür beispielsweise ihre Werke
- Steps to Christ – Der bessere Weg / Schritte zu Jesus
- The Desire of Ages – Das Leben Jesu
- Christ's Object Lessons
- ihre zahlreichen Andachten über Rechtfertigung, Gnade und das Kreuz
an.
Die offizielle adventistische Darstellung argumentiert, dass ihre Schriften Jesus fortwährend als Herrn und Erlöser in den Mittelpunkt stellen und nicht Ellen White selbst.
Das Argument ist durchaus relevant: Ein großer Teil ihres umfangreichen Werkes besteht tatsächlich aus christologischen, biblischen und devotionalen Schriften.
Aber auch hier gilt: Christuszentrierung beweist für sich allein keine Prophetie.
Viele gute christliche Autoren sind christuszentriert, ohne Propheten zu sein. Sie ist deshalb ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium.
5. „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“
Jesus gibt in Matthäus 7,15–20 einen bemerkenswert praktischen Test: falsche Propheten erkennt man an ihren Früchten.
Hier verweisen Adventisten auf Ellen Whites etwa 70-jährigen öffentlichen Dienst von 1844 bis 1915 und dessen langfristige Auswirkungen. Die offizielle adventistische Darstellung nennt ausdrücklich den „fruit test“ als ein wesentliches Argument.
Zu den angeführten Früchten gehören insbesondere:
Bibelstudium und Mission
→ weltweite Missionsbewegung
Bildung
→ adventistische Schulen, Colleges und Universitäten
Gesundheitsarbeit
→ Krankenhäuser, Sanatorien und medizinische Mission
Verlagsarbeit
→ Bücher und Zeitschriften
Lebensreform
→ Alkohol- und Tabakabstinenz, Ernährung, Bewegung, Hygiene
Soziales Engagement
→ Armenhilfe, Krankenpflege, Einsatz gegen Sklaverei und gesellschaftliche Missstände
Damit lautet das Argument:
Wenn Ellen Whites Dienst über Jahrzehnte Menschen stärker zu Christus, Bibelstudium, Mission, Gesundheit, Bildung und Nächstenliebe führte, entspricht das grundsätzlich dem von Jesus genannten „Frucht“-Kriterium. Das ist eines der stärkeren historischen, wenn auch wiederum nicht allein beweiskräftigen Argumente.
6. Die außergewöhnliche Zahl ihrer Visionen
Ellen White berichtete seit 1844 von Visionen und prophetischen Träumen. Adventistische Quellen sprechen von ungefähr 2.000 Visionen und prophetischen Träumen während ihres etwa 70-jährigen Dienstes. Das wird mit 4.Mose 12,6 verbunden:
Gott kann sich einem Propheten in einer Vision oder einem Traum offenbaren.
Interessant ist hier der historische Aspekt: Ihre frühen Visionen fanden teilweise öffentlich vor anderen Menschen statt.
Damit war ihre Behauptung zumindest nicht ausschließlich: „Ich hatte allein in meinem Zimmer einen Traum, den niemand überprüfen konnte.“
Für zahlreiche frühe Visionen existieren Berichte von Augenzeugen. Nur Visionen allein beweisen ebenfalls nichts. Auch falsche Propheten könnten Visionserfahrungen behaupten. Deshalb verlangt die adventistische Argumentation wiederum die anderen Tests.
7. Die ungewöhnlichen körperlichen Erscheinungen während ihrer Visionen
Das ist eines der spektakulärsten, aber zugleich vorsichtig zu behandelnden Argumente.
Zeitgenössische Zeugen berichteten unter anderem:
- ihre Augen seien während Visionen geöffnet gewesen,
- sie habe auf äußere Reize nicht reagiert,
- zunächst habe ihre Kraft nachgelassen,
- anschließend habe sie teilweise ungewöhnliche körperliche Kraft gezeigt,
- Zeugen berichteten, dass keine erkennbare Atmung vorhanden gewesen sei,
- Ärzte haben sie während einzelner Visionen untersucht.
Besonders bekannt wurde die Geschichte, dass die junge Ellen Harmon während einer Vision eine etwa 8,4 kg schwere Familienbibel längere Zeit auf ausgestrecktem Arm gehalten habe. Das betreffende Exemplar existiert noch im Bestand des White Estate.
Interessanterweise sagt das White Estate selbst ausdrücklich:
"Solche Erscheinungen dürfen nicht als Beweis göttlicher Inspiration verwendet werden."
Sie wurden von frühen Adventisten als bestätigender Hinweis betrachtet, aber entscheidend seien die biblischen Tests. Diese Zurückhaltung ist methodisch wichtig. Historische Augenzeugenberichte sind etwas anderes als moderne medizinische Dokumentation unter kontrollierten Bedingungen.
8. Erfüllte Vorhersagen
Adventistische Verteidiger führen auch Aussagen Ellen Whites an, die sich später erfüllt haben sollen. Die offizielle adventistische Darstellung nennt deshalb Jeremia 28,9 als einen der Tests eines Propheten und argumentiert, einige ihrer Vorhersagen hätten sich bemerkenswert erfüllt. Hier muss man allerdings besonders sorgfältig arbeiten. Denn genau dieser Punkt gehört zu den umstrittensten Bereichen der Ellen-White-Forschung.
Ein Beispiel: Das White Estate diskutiert selbst ihre Aussage von 1856, wonach von den damals Anwesenden einige sterben, einige die letzten Plagen erleben und einige bei Jesu Wiederkunft leben würden. Alle damaligen Personen sind längst gestorben. Die adventistische Antwort darauf lautet, die Aussage müsse nach dem biblischen Prinzip bedingter Prophetie verstanden werden, ähnlich wie etwa Jonas Ankündigung der Zerstörung Ninives. Deshalb wäre die Behauptung
„Alle Vorhersagen Ellen Whites sind nachweislich exakt eingetroffen“
zu stark. Das lässt sich historisch so nicht sauber behaupten.
Viel seriöser ist: Adventisten argumentieren, dass ihre prophetischen Aussagen im Gesamtzusammenhang mit den biblischen Prinzipien bedingter und unbedingter Prophetie vereinbar seien.
9. Sie gründete die adventistischen Lehren nicht einfach aufgrund ihrer Visionen
Das ist ein interessantes apologetisches Argument. Nach offizieller adventistischer Darstellung wurden die grundlegenden Lehren der frühen Adventbewegung zunächst durch intensives Bibelstudium entwickelt. Ellen Whites Visionen sollten anschließend korrigieren oder bestätigen, aber nicht als Ausgangspunkt einer Lehre dienen.
Ellen White schrieb sogar sinngemäß, man solle in öffentlichen Auseinandersetzungen nicht ihre Schriften als Autorität verwenden, sondern die Beweise klar aus dem Wort Gottes vorlegen. Das ist für den prophetischen Anspruch wichtig. Denn idealerweise lautet das System:
Nicht:
Ellen White sagt es
↓
deshalb muss die Bibel so verstanden werden
sondern:
Bibel gründlich untersuchen
↓
Lehre daraus ableiten
↓
Ellen White daran prüfen
Das ist zumindest die offizielle Methodik.
10. Ihre zeitliche Erscheinung wird mit Offenbarung 12 verbunden
Und damit kommen wir unmittelbar zu unserer vorherigen Diskussion. Nach adventistischer Prophetie endet die 1260-Jahre-Periode 1798. Danach erscheint die endzeitliche Bewegung der Übrigen: „welche die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben.“ - Offb.12,17
Offenbarung 19,10 erklärt:
„Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der Weissagung.“
Die frühen Adventisten folgerten deshalb:
Endzeit nach 1798
↓
Übrige entstehen
↓
halten Gottes Gebote
↓
besitzen das Zeugnis Jesu
↓
„Geist der Weissagung“
↓
prophetische Gabe müsste unter ihnen erscheinen
Und dann kommt der für Adventisten auffällige historische Punkt: 1844
Ellen Harmon berichtet ihre erste Vision. Das liegt genau in jener Phase, in der nach adventistischer Interpretation die endzeitliche Adventbewegung aus Offenbarung 10–14 entsteht. Das BRI beschreibt gerade diese Kombination als einen Grund, weshalb die frühen Adventisten Ellen Whites Dienst mit dem in Offenbarung vorhergesagten prophetischen Merkmal der Übrigen verbanden.
Der wichtigste Punkt
Ein sauberer adventistischer Beweis sollte deshalb niemals lauten:
„Ellen White hatte Visionen, also war sie eine Prophetin.“
Sondern:
„Die Bibel kündigt die prophetische Gabe an. Sie gibt Kriterien, mit denen ein angeblicher Prophet geprüft werden muss. Ellen Whites gesamter Dienst muss an diesen Kriterien untersucht werden. Erst wenn sie diese Prüfung besteht, ist ihr prophetischer Anspruch begründet.“
Und genau das passt hervorragend zur vorherigen Frage über die Gemeinde der Übrigen. Man könnte daraus sogar eine größere Prüfstruktur entwickeln:
66 Bücher der Bibel → Merkmale der Endzeitgemeinde → Offenbarung 12,17 → Geist der Weissagung → biblische Prophetentests → Ellen White prüfen.
Das wäre wesentlich überzeugender als eine Grafik, die einfach behauptet „Ellen White = Prophetin“, weil sie dem Betrachter ausdrücklich sagt: Prüfe es selbst anhand der Bibel.
Hat Ellen White genaue Vorhersagen gemacht?
Ellen G. White hat tatsächlich einige überprüfbare Zukunftsaussagen gemacht, die deutlich konkreter sind als allgemeine Aussagen wie „es werden schwere Zeiten kommen“. Nach Durchsicht des Ellen G. White Study Centers Bogenhofen, von Materialien des Ellen G. White Estate/Research-Center-Umfelds und der Originaltexte würde ich allerdings zwischen präzise, bemerkenswert und allgemein unterscheiden.
Eine wichtige Vorbemerkung: Die o.g. Einrichtungen sind adventistische Einrichtungen, keine religionswissenschaftlich unabhängigen Prüfinstitute. Bogenhofen nennt ausdrücklich als eigene Aufgaben unter anderem die Wertschätzung Ellen Whites zu fördern und zur Stärkung adventistischer Identität beizutragen. Ihre Materialien sind daher sehr wertvoll für Originalquellen und die adventistische Argumentation, sollten aber bei der Beweisbewertung kritisch gelesen werden.
Die interessantesten konkreten Vorhersagen:
Vorhersage: Amerikanischer Bürgerkrieg
Zeitpunkt: 12. Jan. 1861
Was geschah? Krieg beginnt 12. Apr. 1861; weitere Staaten treten aus; große Armeen, hohe Verluste, Gefängniselend
Bewertung: relativ konkret, aber historischer Kontext wichtig
Vorhersage: Söhne Anwesender würden im Krieg sterben
Zeitpunkt: 12. Jan. 1861
Was geschah? später wurden mindestens fünf entsprechende Familien genannt
Bewertung: sehr konkret, aber Nachweis teilweise rückblickend
Vorhersage: Review-and-Herald-Verlag werde von einer Katastrophe getroffen; Feuer ausdrücklich erwähnt
Zeitpunkt: Nov. 1901
Was geschah? Gebäude am 30. Dez. 1902 vollständig durch Feuer zerstört
Bewertung: eine der stärksten konkreten Aussagen
Vorhersage: San Francisco/Oakland würden „nicht lange danach“ Gottes Gerichte erfahren
Zeitpunkt: 1902/1903
Was geschah? Erdbeben und Feuer am 18. Apr. 1906
Bewertung: Ort und Katastrophe konkret, Ereignisart nicht genau benannt
Vorhersage: Vision von einstürzenden Gebäuden
Zeitpunkt: 16. Apr. 1906
Was geschah? zwei Tage später San-Francisco-Erdbeben
Bewertung: zeitlich bemerkenswert; Stadt in der Vision nicht identifiziert
Vorhersage: kleines adventistisches Verlagswerk werde weltweit werden
Zeitpunkt: Nov. 1848
Was geschah? daraus entstand ein weltweites Verlags- und Missionswerk
Bewertung: bemerkenswert, aber teilweise selbsterfüllend
Vorhersage: Spiritismus werde sich stark ausbreiten
Zeitpunkt: März 1849
Was geschah? Spiritualismus entwickelte sich international
Bewertung: eingetroffener Trend, aber relativ weit formuliert
1. Der Bürgerkrieg von 1861
Das ist eines der Beispiele, die Bogenhofen selbst ausdrücklich als erfüllte Vorhersage anführt.
Am 12. Januar 1861 hatte White in Parkville, Michigan, eine Vision. Nach der überlieferten Wiedergabe sagte sie, weitere Staaten würden sich South Carolina anschließen, es werde zu einem „terrible war“ kommen, große Armeen würden gegeneinander kämpfen, es werde große Verluste, Gefangene und trauernde Familien geben. Sie sagte außerdem über die anwesende Gemeinde, dass einige dort ihre Söhne in diesem Krieg verlieren würden.
Drei Monate später, am 12. April 1861, begann mit dem Beschuss von Fort Sumter offiziell der Amerikanische Bürgerkrieg. Insgesamt schlossen sich elf Staaten der Konföderation an. Der National Park Service bestätigt diese Chronologie.
Bogenhofen bewertet die Aussage deshalb als prophetische Erfüllung. Ein späterer Bericht J. N. Loughboroughs gibt an, der damalige Gemeindeälteste habe fünf Familien konkret benennen können, die Söhne im Krieg verloren hätten, möglicherweise sogar weitere fünf.
Wie stark ist das?
Bemerkenswert, aber nicht unangreifbar.
Denn am 12. Januar war die politische Krise bereits eskaliert: South Carolina war am 20. Dezember ausgetreten, Mississippi am 9. Januar, Florida am 10. Januar und Alabama am 11. Januar. Krieg war also keineswegs eine völlig unvorstellbare Möglichkeit.
Andererseits ging White weiter als nur:
„Vielleicht gibt es Krieg.“
Sie beschrieb weitere Abspaltungen, große Armeen, einen schweren Krieg, Gefängniselend, hohe Verluste und konkrete Familienverluste. Das macht die Aussage wesentlich interessanter.
2. Das Feuer im Review-and-Herald-Verlag
Dieses Beispiel halte ich für stärker.
Im November 1901 schrieb Ellen White über den adventistischen Verlag in Battle Creek sinngemäß, dass sie beinahe fürchte, eines Tages zu lesen, Gott habe das Verlagshaus durch Feuer gereinigt. Außerdem:
„Unless there is a reformation, calamity will overtake the publishing house.“
Etwa 13 Monate später, am 30. Dezember 1902, brannte das vierstöckige Review-and-Herald-Verlagsgebäude vollständig nieder. Das vom White Estate herausgegebene Material Ellen White's Predictions stellt Vorhersage und Ereignis unmittelbar gegenüber.
Das ist relativ spezifisch:
bestimmte Institution → Warnung vor Katastrophe → Feuer ausdrücklich angesprochen → Gebäude tatsächlich durch Feuer zerstört.
Allerdings war die Aussage konditional: Sie verband die Warnung mit einer aus ihrer Sicht notwendigen Reform. Und man müsste für eine völlig unabhängige historische Bewertung zusätzlich untersuchen, ob damals bereits erhebliche Brandschutzprobleme oder andere erkennbare Risiken bestanden.
Trotzdem gehört das für mich zu den besseren Beispielen einer konkreten Ellen-White-Vorhersage.
3. San Francisco: Hier muss man sehr genau sein
Dieses Beispiel wird in adventistischen Vorträgen manchmal stärker dargestellt, als die Quellen erlauben.
Am 1. September 1902 schrieb Ellen White ausdrücklich über San Francisco und Oakland:
„Not long hence these cities will suffer under the judgments of God.“
1903 wiederholte sie sinngemäß, diese beiden Städte würden in nicht ferner Zukunft von Gerichten getroffen werden.
Dann geschah am 18. April 1906 das große San-Francisco-Erdbeben der Magnitude 7,9. Nach USGS-Angaben lag das Epizentrum unmittelbar westlich von San Francisco; Erdbeben und nachfolgende Brände verwüsteten die Stadt schwer.
Das ist durchaus auffällig:
1902: San Francisco/Oakland ausdrücklich genannt → „nicht lange danach“ Gericht/Katastrophe → 1906 massive Katastrophe.
Aber sie schrieb 1902 nicht:
„San Francisco wird durch ein Erdbeben zerstört.“
Deshalb sollte man diese Aussage nicht so zitieren.
4. Noch interessanter: die Vision zwei Tage vorher
Am 16. April 1906, also zwei Tage vor dem Erdbeben, berichtete Ellen White von einer nächtlichen Vision.
Sie beschrieb:
- Häuser, die heftig erschüttert wurden,
- große und kleine Gebäude, die zusammenbrachen,
- Hotels und andere Gebäude, die zerstört wurden,
- zahlreiche Tote,
- Schreie von Verletzten und Verängstigten.
Am 18. April erreichte sie die Nachricht vom San-Francisco-Erdbeben. Der Originalbericht steht später in Testimonies for the Church, Band 9.
Das Bogenhofener Study Center führt die Vision deshalb in seiner Übersicht ausdrücklich als Vision „zwei Tage vor dem großen Erdbeben in San Francisco“ auf.
Das sieht auf den ersten Blick nach einer außerordentlich genauen Vorhersage aus.
Aber hier kommt eine wichtige Einschränkung:
Ellen White selbst behauptete nach dem Erdbeben ausdrücklich nicht, sie habe vorhergesagt:
„Am 18. April wird San Francisco von einem Erdbeben getroffen.“
Im Gegenteil: Als anschließend entsprechende Gerüchte entstanden, schrieb sie, Berichte, sie habe das San-Francisco-Erdbeben vorausgesagt und Los Angeles als nächste Stadt genannt, seien „not true“.
Der Grund ist nachvollziehbar:
Die Vision vom 16. April zeigte die Katastrophe, identifizierte aber die Stadt offenbar nicht als San Francisco.
Das ist ein wichtiges Detail.
Deshalb wäre meine Bewertung:
Sehr bemerkenswerte zeitliche und inhaltliche Übereinstimmung, aber keine präzise Orts- und Datumsprophezeiung.
5. Die weltweite Verlagsarbeit – 1848
Im November 1848 war die sabbathaltende Adventbewegung winzig und finanziell sehr schwach.
Ellen White sagte ihrem Mann James, er solle eine kleine Zeitschrift drucken. Sie werde zunächst klein sein, Leser würden Geld für den Druck schicken, und aus diesem kleinen Anfang würden sinngemäß „Ströme von Licht“ um die ganze Welt gehen.
1849 erschien dann The Present Truth. Daraus entwickelte sich eine internationale adventistische Verlagsarbeit.
Das White Estate führt dies ausdrücklich unter „Predictions Relating to Activities in the Adventist World“.
Das ist historisch interessant, insbesondere weil die Bewegung damals klein war.
Aber als Beweis ist es schwächer als ein externes Ereignis. Denn ihre Anhänger kannten die Aussage und arbeiteten bewusst daran, sie zu verwirklichen.
Das ist das klassische Problem einer möglicherweise selbsterfüllenden Vorhersage.
6. Ausbreitung des Spiritismus
Bogenhofen führt ebenfalls ihre Vision vom 24. März 1849 an.
Die sogenannten „Rappings“ um die Fox-Schwestern waren damals gerade erst bekannt geworden. Ellen White erklärte, diese Erscheinungen würden immer häufiger werden und sich weiter ausbreiten.
Der moderne Spiritualismus entwickelte sich anschließend tatsächlich zu einer großen internationalen religiösen Bewegung.
Das White-Estate-Material führt dies ebenfalls als erfüllte Vorhersage an.
Ich würde es allerdings nur als mittlere Evidenz einstufen, weil die Vorhersage keine präzise Größenordnung, kein Land und keinen Zeitpunkt nennt.
Hat sie Vorhersagen mit exaktem Datum gemacht?
Hier lautet die Antwort im Wesentlichen:
Nein – das war nicht typisch für Ellen White.
Sie hat keine Serie prophetischer Aussagen nach dem Schema
„Am 17. Mai 1908 wird Ereignis X in Stadt Y geschehen“
hinterlassen.
Im Gegenteil: Sie wandte sich später sehr entschieden gegen Zeitberechnungen für die Wiederkunft Christi. Auch das Study Center Bogenhofen weist darauf hin.
Das ist wichtig, wenn jemand behauptet, Ellen White habe ständig spektakuläre Datumsprophezeiungen gemacht. Das entspricht ihren Schriften nicht.
Und es gibt problematische Vorhersagen
Für eine faire Bewertung darf man diese Seite nicht unterschlagen.
Das Study Center Bogenhofen selbst nennt drei häufig erhobene Einwände:
England und der amerikanische Bürgerkrieg, Jerusalem und besonders die Vision von 1856, nach der einige damals Anwesende noch bei Christi Wiederkunft leben würden.
Bei der Vision von 1856 lautet der überlieferte Inhalt tatsächlich, einige Anwesende würden sterben, einige die sieben letzten Plagen erleben und einige bei Jesu Wiederkunft lebend verwandelt werden. Heute ist niemand dieser Personen mehr am Leben. Das White Estate bestreitet diesen Sachverhalt nicht, sondern argumentiert, diese Aussage müsse als bedingte Prophetie verstanden werden – abhängig davon, ob Gottes Volk seinen Auftrag erfüllt.
Beim angeblichen England-Irrtum argumentiert das White Estate dagegen, White habe den Kriegseintritt Englands ausdrücklich an Bedingungen geknüpft („if England thinks it will pay“); die Aussage sei deshalb eine Möglichkeit und keine unbedingte Prophezeiung gewesen.
Das zeigt etwas Wichtiges:
Die offiziellen adventistischen Forschungsquellen behaupten nicht, jede Zukunftsaussage Ellen Whites sei eine einfache, "unbedingte" Prognose gewesen, die sich wortwörtlich erfüllt habe. Genauso wie die Drohung Gottes, er würde Ninive vernichten, wenn sich das Volk darin nicht bekehre, so sind auch manche Prophezeiungen Whites an Bedingungen geknüpft.
Gesamturteil:
Nach Prüfung der Quellen ist einzustufen:
Ja, Ellen White machte nachweislich echte Zukunftsaussagen. Einige davon waren überraschend konkret und wurden vor dem betreffenden Ereignis dokumentiert.
Die drei interessantesten Fälle sind:
1. Review-and-Herald-Feuer 1901 → 1902
Bestimmte Institution + Katastrophe + Feuer → später tatsächliches Feuer.
2. Parkville/Bürgerkrieg 12. Januar 1861
weitere Sezessionen + großer Krieg + große Armeen + Gefängnisse + Familienverluste → weitgehend entsprechend eingetreten.
3. San Francisco 1902–1906
San Francisco/Oakland zuvor ausdrücklich vor kommendem „Gericht“ gewarnt + zwei Tage vor dem Erdbeben eine detaillierte Vision einstürzender Gebäude. Aber: Sie identifizierte die Vision nicht als San Francisco und bestritt später selbst, das Erdbeben ausdrücklich vorausgesagt zu haben.
Damit kann man nicht sagen:
„Es gibt einen mathematisch zwingenden Beweis, dass Ellen White übernatürlich die Zukunft kannte.“
Das lässt sich historisch nicht beweisen.
Aber genauso wenig stimmt die Gegenbehauptung:
„Ellen White hat überhaupt keine konkreten oder überprüfbaren Vorhersagen gemacht.“
Das ist anhand der Primärquellen eindeutig falsch.
Haben auch andere unabhängige Prüfinstitutionen Ellen G.Whites Aussagen analysiert?
Die Schriften und Vorhersagen von Ellen G. White wurden und werden von zahlreichen anderen Institutionen, Gremien und unabhängigen Forschern außerhalb der genannten EGW-Zentren analysiert. Da das EGW Research Center und das EGW Study Center Bogenhofen (wie auch das übergeordnete Ellen G. White Estate) institutionell direkt an die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (STA) gebunden sind, stammen kritische und unabhängige Bewertungen primär aus der universitären Theologie, historischen Forschungsgemeinschaften sowie von apologetischen Netzwerken anderer Kirchen.
Die wichtigsten Gremien und unabhängigen Instanzen lassen sich in drei Kategorien unterteilen:
1. Inneradventistische, aber akademisch unabhängige Foren
Innerhalb der adventistischen Welt gibt es Foren, die sich bewusst vom offiziellen White Estate abgrenzen, um eine wissenschaftlich-kritische Aufarbeitung zu ermöglichen:
- The Association of Adventist Forums (Spectrum Magazine): Die Association of Adventist Forums publiziert das unabhängige Magazin Spectrum. Historiker und Theologen analysieren dort regelmäßig Whites Vorhersagen (z. B. zur Endzeit, zu sozialen Entwicklungen oder wissenschaftlichen Aussagen) ohne den Zwang, die offizielle Kirchenlehre zu verteidigen. Hier werden auch Diskrepanzen offen thematisiert, wie etwa historische Irrtümer bezüglich der Auslegung biblischer Zeitepochen.
2. Christlich-apologetische Institute (Andere Konfessionen)
Klassische theologische Institute und apologetische Werke, die den Exklusivitätsanspruch der Adventisten prüfen, nutzen die historisch-kritische Methode zur Bewertung ihrer Prophezeiungen:
- Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW): Die EZW (eine Institution der Evangelischen Kirche in Deutschland – EKD) beobachtet und bewertet religiöse Sondergemeinschaften. In ihren Dokumentationen untersucht sie Whites Rolle als Prophetin. Sie bewertet die Vorhersagen meist als zeitbedingt oder im biblischen Kontext als Fehlinterpretationen, würdigt jedoch Whites Beiträge zu einem gesunden Lebensstil.
- Monergism / Evangelikale Prüfinstitute: Internationale reformierte und evangelikale Netzwerke wie Monergism oder das Christian Research Institute (CRI) analysieren Whites Aussagen systematisch anhand des biblischen Standards für Prophetie (z. B. nach Deuteronomium 18). Sie verweisen häufig auf nicht eingetroffene Erwartungen bezüglich der baldigen Wiederkunft Christi im 19. Jahrhundert (z. B. im Rahmen der Bürgerkriegsvisionen) und stufen sie als theologische Fehlinterpretationen ein.
3. Unabhängige historische und literarische Untersuchungen
In den 1970er und 1980er Jahren kam es zu umfassenden Untersuchungen durch unabhängige Experten, deren Ergebnisse bis heute die theologische Forschung prägen:
- Literarische Plagiatsprüfungen (Walter Rea / Lewis Walton): Der Historiker Walter Rea wies in einer großflächigen Textanalyse nach, dass weite Teile von Whites visionären und historischen Texten (darunter auch Passagen, die als direkt inspiriert galten) wortwörtlich aus zeitgenössischen Werken anderer Autoren übernommen wurden (The White Lie). Die Kirche reagierte damals mit der Beauftragung einer unabhängigen juristischen Prüfung durch den Urheberrechtsexperten Vincent L. Ramik, um zu klären, ob Ellen White Plagiat begangen hatte. Ramik urteilte nach damaligen Rechtsmaßstäben (19. Jahrhundert) formal auf „kein Plagiat“, bestätigte aber die massive Nutzung fremder Quellen.
Zusammenfassung der Bewertungsmuster
Während kircheneigene Forschungszentren (wie Bogenhofen) Whites Prophezeiungen meist im Rahmen des adventistischen Verständnisses der „fortlaufenden Offenbarung“ interpretieren, kommen externe Institute fast durchgehend zu dem Schluss:
- Zeiteinschränkungen: Viele ihrer konkreten Vorhersagen (wie die Zerstörung bestimmter Städte oder die Rückkehr Jesu zu Lebzeiten von Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts) haben sich historisch nicht erfüllt.
- Literarische Abhängigkeit: Ihre Schriften basieren stark auf den Werken zeitgenössischer Historiker und Theologen, was den Charakter einer rein „göttlich diktierten Vision“ wissenschaftlich widerlegt.
Waren Ellen oder James White Freimaurer?
Aufgrund der verfügbaren Quellen gibt es keinen belastbaren Beleg dafür, dass Ellen G. White oder James White Freimaurer waren. Bei Ellen White spricht zudem ihr eigenes umfangreiches Schrifttum ausgesprochen deutlich gegen eine Freimaurer-Mitgliedschaft: Sie forderte Christen ausdrücklich auf, Freimaurerlogen und vergleichbare Geheimbünde zu verlassen.
1. Ellen G. White: keine belegte Freimaurerin
Das Ellen G. White Study Center Bogenhofen behandelt genau diese Behauptung. Es kommt zu dem Ergebnis, dass es keine Beweise für eine Mitgliedschaft Ellen Whites bei den Freimaurern gibt. Bogenhofen weist darauf hin, dass häufig der Obelisk auf dem Familiengrab der Whites, bestimmte Begriffe oder Symbole als „Beweise“ angeführt werden. Ein Obelisk war im 19. Jahrhundert jedoch kein exklusives freimaurerisches Symbol und beweist daher keine Logenzugehörigkeit.
Noch schwerer wiegt ihre tatsächliche Haltung: Ellen White schrieb ausdrücklich gegen eine Mitgliedschaft bei den Freimaurern und anderen Geheimgesellschaften. Das Study Center verweist dazu insbesondere auf ihre Auseinandersetzung mit dem Adventisten Nathanael D. Faulkhead, der gleichzeitig in mehreren Freimaurerlogen aktiv war.
2. James White: ebenfalls kein belastbarer Nachweis
Auch für James Springer White (1821–1881) gibt es in den Biografien und Materialien des White Estate sowie des Study Centers Bogenhofen keinen Nachweis einer Freimaurer-Mitgliedschaft.
Die Quellen dokumentieren seine religiöse Biografie relativ detailliert:
Christian Connection → Millerbewegung → sabbathaltende Adventbewegung → Mitbegründer der STA → Prediger, Herausgeber und Kirchenorganisator.
Eine Logenmitgliedschaft wird dort nicht erwähnt.
Das allein ist natürlich kein mathematischer Beweis, dass er niemals Mitglied irgendeiner Loge gewesen sein könnte. Aber für die konkrete Behauptung „James White war Freimaurer“ fehlt in den untersuchten seriösen Quellen ein belastbarer Mitgliedsnachweis.
Woher könnte die Verwechslung kommen?
Ein wichtiger Punkt ist William Miller. William Miller war tatsächlich Freimaurer. Das Bogenhofener Study Center dokumentiert aber ebenfalls, dass er 1831 seine Freimaurer-Mitgliedschaften kündigte, also Jahre vor dem Höhepunkt der Millerbewegung.
Man sollte daher nicht argumentieren:
Miller war Freimaurer → James White war Freimaurer → Ellen White war Freimaurer.
Das wäre schlicht ein Fehlschluss.
3. Was Ellen White über Freimaurer schrieb
Hier wird ihre Position ausgesprochen deutlich! 1893 erschien die Broschüre: Should Christians Be Members of Secret Societies? Sollten Christen Mitglieder von Geheimgesellschaften sein?
Das Material wurde später vollständig in Selected Messages, Band 2, S. 120–140 aufgenommen. Das White Estate bestätigt diesen Publikationszusammenhang. Die zentrale Frage stellte sie ausdrücklich:
„… whether it is right for Christians to belong to the Free Masons and other secret societies.“
Also:
ob es für Christen richtig sei, Freimaurern oder anderen Geheimgesellschaften anzugehören.
Ihre Antwort war eindeutig: NEIN.
4. Ihr Hauptargument: geteilte Loyalität
Ellen White begründete ihre Ablehnung zunächst theologisch. Sie verwendete besonders 2. Korinther 6,14–18:
„Zieht nicht am fremden Joch mit Ungläubigen …“
und außerdem Jesaja 8,9–13. Ihre Argumentation war ungefähr:
Christus beansprucht die höchste Loyalität des Christen.
Wenn eine Organisation
- eigene Eide,
- Verpflichtungen,
- Loyalitäten,
- geheime Rituale
- und gegenseitige Bindungen
fordert, die mit dieser Loyalität kollidieren können, darf ein Christ sich nicht daran binden.
Das wird in ihrem ursprünglichen Manuskript Should Christians Be Members of Secret Societies? ausdrücklich auf Freemasons und andere Geheimbünde angewandt.
5. Noch drastischer: „nicht mit den Freimaurern vereinigt“
In einem Brief von 1893 formulierte Ellen White ihre Position außergewöhnlich scharf. Sie schrieb, diejenigen, die unter Christi Banner stehen, „cannot be united with the Free Masons“ – könnten also nicht zugleich mit den Freimaurern verbunden sein.
Sie ergänzte, dass jemand, der nach entsprechender Erkenntnis diese Verbindung aufrechterhält, nicht das Siegel des lebendigen Gottes empfangen werde !!
Das Bogenhofener Study Center zitiert genau diese Passage ebenfalls als wichtigen Beleg gegen die Behauptung, Ellen White sei selbst Freimaurerin gewesen.
Das ist ziemlich schwer mit einer heimlichen positiven Zugehörigkeit zur Freimaurerei in Einklang zu bringen.
6. Der interessante Fall Nathanael Faulkhead
Besonders aufschlussreich ist Nathanael D. Faulkhead in Australien.
Er war Adventist und Schatzmeister des adventistischen Verlagshauses, gleichzeitig aber stark in der Freimaurerei engagiert. Nach den überlieferten Angaben war er Mitglied von fünf Logen und hatte einen hohen Rang erreicht. Ellen White schrieb ihm ausführlich und forderte ihn auf, seine Verbindung zu den Logen zu lösen. Faulkhead erklärte anschließend selbst, er werde seine Mitgliedschaften aufgeben.
Ellen White schrieb über seinen Fall sinngemäß:
"Seine Beschäftigung mit der Freimaurerei habe seine Zeit beansprucht und seine geistliche Wahrnehmung abgestumpft."
Sie sah nur einen Ausweg: die Verbindungen vollständig lösen und sich ganz auf Gottes Seite stellen.
Faulkhead akzeptierte den Rat.
7. Die berühmte Geschichte mit dem Freimaurerzeichen
Hier wird die Sache historisch interessant. Das White Estate berichtet, Ellen White habe während ihres Gesprächs mit Faulkhead eine bestimmte Handbewegung bzw. ein geheimes Freimaurerzeichen gemacht. Faulkhead erkannte es.
Nach dem adventistischen Bericht wusste Ellen White selbst nicht, dass sie dabei ein geheimes Logenzeichen verwendete. Faulkhead soll gerade dadurch besonders davon überzeugt worden sein, dass ihre Information über seine Logenaktivitäten übernatürlichen Ursprung habe.
Das wird gelegentlich von Kritikern umgedreht: „Sie kannte das Freimaurerzeichen, also muss sie Freimaurerin gewesen sein.“
Das ist aber kein Beweis. Dafür müsste zunächst nachgewiesen werden, dass sie das Zeichen durch eigene Logenmitgliedschaft gelernt hatte. Einen solchen Nachweis nennt auch Bogenhofen nicht; im Gegenteil, dort wird ausdrücklich festgestellt, dafür gebe es keine Belege.
Man kann die Faulkhead-Geschichte historisch unterschiedlich beurteilen – übernatürliche Offenbarung, vorher erworbenes Wissen oder spätere Ausschmückung –, aber sie beweist keine Mitgliedschaft Ellen Whites.
8. Warum lehnte sie Geheimgesellschaften ab?
Aus ihren verschiedenen Aussagen lassen sich vier Hauptgründe herausarbeiten:
Ellen Whites Einwand: Geteilte Loyalität
Begründung: Ein Christ könne nicht gleichzeitig Christus und einer Organisation absolute Loyalität schulden
Ellen Whites Einwand: Geheime Eide und Verpflichtungen
Begründung: Sie sah darin Bindungen, deren Tragweite Mitglieder teilweise erst nach höheren Graden erfahren
Ellen Whites Einwand: Geistlicher Einfluss
Begründung: Enge Gemeinschaft könne den Glauben und die Bindung an Christus schwächen
Ellen Whites Einwand: Geheimhaltung und Moral
Begründung: Organisationen könnten hinter einer wohltätigen Außendarstellung Praktiken verbergen, die mit christlichen Grundsätzen kollidieren
Besonders drastisch schreibt sie über die Eide. In einem Brief von 1893 an Faulkhead beschreibt sie die Verpflichtungen und Eide der Geheimgesellschaften als geistlich unzulässige Bindungen. Sie kritisierte außerdem, dass manche Geheimgesellschaften nach außen Wohltätigkeit und Brüderlichkeit versprächen, während ihre geheimen Verpflichtungen aus ihrer Sicht moralisch problematisch seien.
9. Sie betrachtete die Freimaurerei sogar als geistliche Gefahr
Ihre Sprache ist teilweise ausgesprochen hart. Sie bezeichnet Geheimgesellschaften als eine Art geistliche Falle und argumentiert, dass die Vorteile – soziale Beziehungen, Unterstützung, Status usw. – die geistlichen Gefahren nicht aufwögen.
Zu Faulkhead schrieb sie sinngemäß: "Wenn du mit den Freimaurern verbunden bleibst, wirst du schließlich immer stärker an sie gebunden werden."
Und: "Du musst deine Verbindung zu den Geheimgesellschaften lösen."
Das ist keine beiläufige Kritik. Es war für Ellen White eine grundsätzliche Frage christlicher Loyalität.
Deshalb ist das Ergebnis ziemlich eindeutig:
Ellen G. White
Kein belastbarer Nachweis einer Freimaurer-Mitgliedschaft. Das EGW Study Center Bogenhofen weist den Vorwurf ausdrücklich zurück. Noch entscheidender ist, dass Ellen White selbst ausführlich gegen Freimaurerei und Logenmitgliedschaft schrieb und Freimaurer innerhalb der Adventgemeinde zum Austritt aufforderte.
James White
Auch hier habe ich keinen belastbaren Nachweis einer Freimaurer-Mitgliedschaft gefunden. Seine Biografie wird sowohl vom White Estate als auch von Bogenhofen recht detailliert dokumentiert, ohne eine solche Zugehörigkeit zu nennen. Die Behauptung sollte daher nicht als historische Tatsache wiederholt werden, solange kein zeitgenössisches Logenregister, Mitgliedsausweis, Protokoll oder vergleichbarer Primärbeleg vorgelegt wird.
William Miller
Hier ist die Situation anders: Miller war tatsächlich Freimaurer, trat aber 1831 aus seinen Freimaurerverbindungen aus, bevor seine öffentliche adventistische Verkündigung richtig begann.
Die stärkste Quelle für Ellen Whites eigene Position ist daher Selected Messages, Band 2, Kapitel 13: „Should Christians Be Members of Secret Societies?“ (S. 120–140).
Hiuer geht´s zum Video "Ellen White - Freimaurer und Geist der Weissagung" von Timo Hoffmann:
Hat Ellen White plagiiert ?
Ja – aber hier muss man drei verschiedene Fragen auseinanderhalten. Sonst redet man bei „Plagiat“ schnell aneinander vorbei.
Kurzurteil
1. Hat Ellen White Texte und Gedanken anderer Autoren verwendet?
– Eindeutig ja. Das bestreiten weder das Ellen G. White Estate noch das EGW Study Center Bogenhofen. Es gab wörtliche Übernahmen, enge Paraphrasen, Gedanken- und Strukturübernahmen, teilweise ohne konkrete Quellenangabe.
2. War das nach dem damaligen Urheberrecht rechtswidriges Plagiat/Copyright-Piraterie?
– Nach dem vom White Estate herangezogenen Rechtsgutachten: nein.
3. Würden manche dieser Übernahmen nach heutigen wissenschaftlichen Zitierregeln als Plagiat gelten?
– Sehr wahrscheinlich ja. Das ist ein anderer Maßstab als die urheberrechtliche Frage des 19. Jahrhunderts.
Diese Unterscheidung ist die sachlich sauberste Antwort.
Was gibt das White Estate selbst zu?
Das White Estate schreibt inzwischen völlig offen: Ellen White habe häufig literarische Quellen benutzt.
Es sagt ausdrücklich, die Forschung habe gezeigt, dass sie Formulierungen aus ihrer Lektüre umfangreicher verwendet habe, als früher bekannt war. Ellen White selbst schrieb in der Einleitung zu The Great Controversy, dass sie bei historischen Darstellungen teilweise die Worte von Historikern übernommen habe und dass dabei in manchen Fällen keine konkrete Quellenangabe gemacht worden sei.
Das bedeutet:
Die Frage „Hat sie überhaupt abgeschrieben?“ ist längst entschieden. Ja, sie benutzte fremdes Material. Die eigentliche Streitfrage lautet:
War diese Verwendung unehrliche Aneignung fremder Urheberschaft?
Das White Estate hat die Übernahmen selbst untersucht
Seit 1983 begann das Estate damit, Ellen Whites Bücher systematisch auf nachgewiesene literarische Parallelen zu markieren.
Interessanterweise veröffentlicht das Estate die Zahlen selbst. Beispielsweise fand man nach dem damaligen Forschungsstand:
Werk - dokumentierte literarische Parallelen
The Great Controversy - 5,05 %
Sketches from the Life of Paul - 12,23 %
Steps to Christ - 6,23 %
Acts of the Apostles - 3,05 %
Patriarchs and Prophets - 2,28 %
Das Estate betont ausdrücklich, dass diese Tabelle keine endgültige Gesamtmessung darstellt und mit neuen Quellenfunden verändert werden kann. Außerdem wurde The Desire of Ages aus diesem Projekt ausdrücklich herausgenommen, weil dafür eine eigene umfangreiche Untersuchung durchgeführt wurde. Das ist eine wichtige Einschränkung, wenn man gelegentlich die Aussage hört:
„Nur weniger als zwei Prozent ihrer Schriften stammen von anderen Autoren.“
Diese Zahl beschreibt einen bestimmten dokumentierten Gesamtbestand und bedeutet nicht, dass in jedem einzelnen Buch nur zwei Prozent literarische Abhängigkeit bestehen.
Der Veltman-Bericht ist besonders wichtig
Hier wird die Sache interessanter. Aufgrund der Plagiatskontroverse beauftragte die Generalkonferenz den adventistischen Neutestamentler Fred Veltman, The Desire of Ages (Das Leben Jesu) systematisch zu untersuchen.
Die Untersuchung dauerte rund acht Jahre. Veltman untersuchte unter anderem 15 zufällig ausgewählte Kapitel und verglich sie mit mehreren hundert möglichen Quellen. Sein Ergebnis war wesentlich deutlicher, als viele Adventisten erwartet hatten. Veltman schrieb: Ellen White selbst – nicht bloß ihre literarischen Mitarbeiter – habe Formulierungen anderer Autoren benutzt, ohne sie als Quellen anzugeben.
Und: Diese Benutzung sei bewusst und absichtlich erfolgt und könne nicht einfach durch Zufall oder ein fotografisches Gedächtnis erklärt werden.
Das ist ausgesprochen wichtig. Es widerlegt die ältere Verteidigung:
„Vielleicht haben ihre Sekretärinnen diese Texte hineingeschrieben.“
Nach Veltmans Untersuchung kam die literarische Abhängigkeit auch in Ellen Whites eigenen Manuskripten vor.
Wie viel fand Veltman?
Für die untersuchten Kapitel wurden ungefähr 31 % der Satzeinheiten als in irgendeinem Grad literarisch abhängig eingestuft. Das bedeutet aber nicht, dass 31 % wörtlich kopiert wurden.
Die Skala umfasste beispielsweise:
wörtliche bzw. sehr enge Übernahme → engere Paraphrase → lockerere Paraphrase → literarisch erkennbare Abhängigkeit.
Veltmans Untersuchung ging sogar noch weiter. Er kam zu dem Ergebnis, dass die literarische Abhängigkeit nicht nur einzelne Formulierungen betraf, sondern teilweise auch Themenentwicklung, Gedankenfolge und Aufbau. In seiner Zusammenfassung formulierte er deshalb relativ deutlich: Der Inhalt von Ellen Whites Kommentaren über das Leben Christi sei „for the most part derived rather than original“.
Gleichzeitig betonte er ausdrücklich, dass ihre Schriften deswegen nicht ohne Eigenständigkeit seien. Ihre charakteristische Leistung liege besonders in Auswahl, Umgestaltung, geistlicher Anwendung und devotionalem Schwerpunkt. Das ist wesentlich differenzierter als entweder: „Sie hat überhaupt nichts abgeschrieben.“
oder: „Das ganze Buch ist einfach kopiert.“
Beide Aussagen sind falsch!
Wie argumentiert nun das White Estate?
Das White Estate verwendet hauptsächlich vier Verteidigungslinien.
1. Literarische Benutzung ist nicht automatisch Plagiat
Das Estate unterscheidet zwischen: literary borrowing und plagiarism / literary theft.
Dass jemand vorhandene Texte verwendet, paraphrasiert oder in ein neues Werk integriert, bedeutet nach dieser Definition noch nicht, dass er fremde Urheberschaft betrügerisch für sich beansprucht. Das ist grundsätzlich richtig. Die schwierige Frage ist aber, wie viel, wie eng, mit welcher Kennzeichnung und mit welcher Absicht übernommen wurde.
2. Das Rechtsgutachten von Vincent Ramik
1981 ließ die Generalkonferenz den auf Urheberrecht spezialisierten Anwalt Vincent L. Ramik die Angelegenheit untersuchen. Ramik untersuchte nach eigenen Angaben etwa 1.000 historische Urheberrechtsfälle.
Seine Schlussfolgerung: Ellen White sei juristisch keine Plagiatorin gewesen und ihre Werke hätten keine Copyrightverletzung bzw. literarische Piraterie dargestellt.
Seine Argumentation war unter anderem:
- Viele verwendete Werke waren nicht urheberrechtlich geschützt.
- Die übernommenen Teile ersetzten nicht das ursprüngliche Werk auf dem Markt.
- Ellen White kombinierte verschiedene Quellen.
- Sie bearbeitete und integrierte das Material in eine eigene Gesamtstruktur.
- Ein betrügerischer Vorsatz, sich als ursprüngliche Urheberin fremder Bücher auszugeben, lasse sich nicht überzeugend nachweisen.
Das ist ein relevantes juristisches Argument.
Ramiks Gutachten beantwortet nicht vollständig die moderne wissenschaftliche Plagiatsfrage.
Urheberrechtsverletzung und akademisches Plagiat sind nicht dasselbe! Man kann etwas plagiiert haben, ohne das Copyright zu verletzen, beispielsweise wenn das ursprüngliche Werk gemeinfrei ist.
3. Ellen White habe die Verwendung von Quellen nicht grundsätzlich verborgen
Das Estate verweist auf ihre Einleitung zu The Great Controversy. Dort erklärt White selbst, dass sie Historiker verwendet und teilweise deren Formulierungen übernommen habe, ohne jeden einzelnen Autor konkret auszuweisen. Das spricht tatsächlich gegen die extreme Behauptung: „Ellen White behauptete ausdrücklich, jedes einzelne Wort ihrer Bücher sei ihr direkt von Gott diktiert worden.“
Das behauptete sie nicht. Allerdings gibt es hier ein weiteres Problem.
Genau dieses Problem hat Veltman selbst benannt
Veltman – obwohl Adventist und weiterhin von Ellen Whites prophetischem Dienst überzeugt – schrieb erstaunlich offen: Ellen White und Personen, die für sie sprachen, hätten implizit oder explizit literarische Abhängigkeit teilweise nicht eingeräumt oder sogar verneint.
Veltman bezeichnete genau diese Frage später als eines der ernstesten Probleme der gesamten Untersuchung. Denn Ellen Whites Erklärung im Vorwort des Great Controversy betrifft vor allem Historiker und historische Darstellung. Sie erklärt nicht automatisch die Quellenabhängigkeit beispielsweise bei:
- Christusdarstellungen,
- theologischen Gedanken,
- geistlichen Ausführungen,
- narrativen Ausschmückungen.
Veltman meinte deshalb, die vorhandene Erklärung reiche nicht vollständig aus, um die Frage nach ihrer Transparenz zu lösen. Das sollte man bei einer fairen adventistischen Aufarbeitung nicht verschweigen.
Wie argumentiert Bogenhofen?
Das EGW Study Center Bogenhofen argumentiert weitgehend entlang derselben Linie wie das White Estate. Bogenhofen räumt ausdrücklich ein: „Es stimmt, dass Ellen White Aussagen anderen Autoren übernommen hat.“
Und ebenfalls: „Ellen White hat die genauen Quellen nicht angegeben.“
Das Study Center versucht also nicht, die Textübernahmen abzustreiten. Seine Verteidigung lautet vielmehr:
historischer Kontext + damalige literarische Gepflogenheiten + Inspiration ist keine Verbalinspiration + Ramiks Rechtsgutachten + Ellen White verbarg die Existenz der verwendeten Bücher nicht grundsätzlich.
Bogenhofen verweist ebenfalls darauf, dass die verwendeten Bücher zum Teil unter Adventisten bekannt waren und sogar in adventistischen Publikationen beworben wurden. Deshalb hält das Study Center die Vorstellung für wenig plausibel, Ellen White habe bewusst versucht, die Existenz ihrer Quellen geheimzuhalten.
Ein theologisches Argument von Bogenhofen
Bogenhofen stellt außerdem die entscheidende Frage: Muss ein inspirierter Prophet ausschließlich vollkommen neues Material erhalten?
Die Antwort des Study Centers lautet: Nein.
Als Vergleich wird die Bibel verwendet. Lukas schreibt beispielsweise selbst: „Nachdem schon viele es unternommen haben, einen Bericht abzufassen …“ und erklärt, dass er vorhandene Überlieferungen untersucht hat.
Auch zwischen Samuel/Könige/Chronik sowie den synoptischen Evangelien bestehen literarische Beziehungen.
Bogenhofen argumentiert daher: Quellenbenutzung ≠ fehlende Inspiration.
Das ist als theologisches Argument durchaus stichhaltig. Denn Inspiration muss nicht bedeuten: Gott diktiert dem Propheten jedes einzelne Wort völlig unabhängig von allen existierenden Informationsquellen.
Einwände:
Bogenhofen schreibt sinngemäß: Wenn Ellen White nur abgeschrieben hätte, woher wusste sie, was davon wahr und was falsch war?
Das ist kein starker Beweis für göttliche Inspiration. Ein guter Autor kann ebenfalls verschiedene Quellen auswählen, Fehler verwerfen und brauchbare Gedanken übernehmen. Dass jemand selektiv gut kompiliert, beweist zunächst literarisches Urteilsvermögen – nicht automatisch göttliche Offenbarung. Das kann ein Adventist als Bestandteil eines größeren prophetischen Gesamtbildes betrachten, aber isoliert ist es kein Beweis.
Was würde heute als Plagiat gelten?
Hier muss man zwischen zwei Zeiten unterscheiden. Nehmen wir folgendes hypothetisches Beispiel:
Autor A, 1870:
„Christ approached the suffering man with a heart overflowing with compassion.“
Autor B, 1890:
„With a heart overflowing with compassion, Christ approached the suffering man.“
Ohne Quellenangabe wäre das nach heutigen akademischen Regeln ziemlich eindeutig problematisch. Auch eine enge Paraphrase: „Voll Mitleid näherte Christus sich dem leidenden Mann.“ würde in einer wissenschaftlichen Arbeit normalerweise eine Quellenangabe erfordern. Dass eine solche Verwendung 1890 urheberrechtlich zulässig gewesen sein könnte, ändert daran nichts. Deshalb würde ich die pauschale Aussage „Ellen White hat nicht plagiiert.“ heute mit einer Definition versehen!
Urteil nach den verfügbaren Quellen
Frage: Hat Ellen White andere Autoren gelesen?
Ergebnis: Ja, umfangreich.
Frage: Hat sie ihre Texte verwendet?
Ergebnis. Ja.
Frage: Teilweise wörtlich?
Ergebnis: Ja.
Frage: Teilweise paraphrasiert?
Ergebnis: Ja, häufig.
Frage: Teilweise Gedanken/Aufbau übernommen?
Ergebnis: Ja.
Frage: Immer konkrete Quellen angegeben?
Ergebnis: Nein.
Frage: Geschah das nur durch ihre Sekretärinnen?
Ergebnis: Nein – Veltman fand es auch in ihren eigenen Manuskripten.
Frage: Geschah es bewusst?
Ergebnis: Nach Veltman: ja.
Frage: Urheberrechtsverletzung nach damaligem Recht?
Ergebnis: Ramik: nein.
Frage: Nach heutigen akademischen Regeln problematisch?
Ergebnis: In manchen Fällen eindeutig ja.
Frage: Beweist Quellenbenutzung, dass sie keine Prophetin war?
Ergebnis: Nein.
Frage: Gibt es eine ernsthafte Frage nach Transparenz und Selbstdarstellung?
Ergebnis: Ja. Veltman sah darin ausdrücklich ein ernstes Problem.
Deshalb kann man es so formulieren:
Ellen G. White hat nachweislich umfangreich literarische Quellen benutzt, darunter auch nicht gekennzeichnete Formulierungen und Paraphrasen. Das White Estate und das EGW Study Center Bogenhofen bestreiten diesen Sachverhalt heute nicht. Sie lehnen jedoch die Bezeichnung „Plagiatorin“ vor allem deshalb ab, weil ihre Verwendung nach dem damaligen Urheberrecht nach dem Ramik-Gutachten keine rechtswidrige literarische Piraterie darstellte, weil sie fremdes Material auswählte und stark in eigene Werke integrierte und weil prophetische Inspiration keine vollständige literarische Originalität voraussetzt. Nach heutigen akademischen Zitierstandards würden jedoch zumindest manche ihrer nicht gekennzeichneten engen Übernahmen als Plagiat gelten.
Ein zweiter Punkt ist besonders wichtig: Die stärkste Verteidigung Ellen Whites ist nicht die Behauptung, sie hätte kaum Quellen benutzt. Dafür ist die Quellenlage inzwischen zu eindeutig. Die intellektuell wesentlich bessere adventistische Position lautet: Prophetische Inspiration betrifft Botschaft und göttliche Berufung und bedeutet nicht, dass ein Prophet keine menschlichen Quellen, Sprache, Recherche, Sekretäre oder vorhandenes Wissen verwenden darf.
Quellen:
White Estate zur Plagiatsfrage und zum eigenen Quellenprojekt ; Ramiks Rechtsgutachten ; EGW Study Center Bogenhofen ; Fred Veltmans von der Adventgemeinde beauftragte Untersuchung von The Desire of Ages
"Prüft alles und das Gute behaltet."
1. Thessalonicher 5,21